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Blindenkurzschrift: schwierig und ineffektiv

G. Heimann 25.09.1996

Die folgenden Überlegungen zur reformierten deutschen Blindenkurzschrift sind nicht im entferntesten ein geschlossener Vorschlag zur Neugestaltung dieses Schriftsystems. Es geht mir vielmehr darum, Probleme aufzuzeigen und eine Diskussion in Gang zu bringen.

Zur Begründung einer Kurzschriftänderung:

Die reformierte deutsche Blindenkurzschrift:

Die folgende Darstellung von Problemen der Blindenkurzschrift ist stichpunktartig und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

  1. Die Kurzschriftreform von 1971 hatte im wesentlichen zum Ziel, die alte Kurzschrift so umzugestalten, daß sie für die automatisierte Textkonvertierung mit Maschinen nutzbar würde. Dieses Ziel wurde leider nicht erreicht. Die geschaffene neue Kurzschrift ist nicht eindeutig. So verschmelzen Wort- und Wortstammkürzungen ungekennzeichnet in Wortverbindungen. Nur die Analyse- und Interpretationsfähigkeit des Lesers macht es möglich, in der gekürzten Form des Wortes "Materialermüdung" das "ml" als Kürzung zu erkennen. Programme können dies nicht leisten, daher ist eine Rückkonvertierung von Kurzschrift in ungekürzte Schrift nicht möglich.

    Spätestens bei Eigennamen stößt auch der menschliche Leser an unüberwindliche Grenzen. Würde man beispielsweise im Namen "Heimann" die "mn-Kürzung für "Mann" verwenden, könnte er nicht bestimmen, ob der Mensch "Heimn" oder Heimann" heißt.

    Auf Grund dieser Tatsache mußten Eigennamen aus der üblichen Regelgebung herausgenommen werden. Da Maschinen Eigennamen nicht erkennen, muß jeder Text manuell bearbeitet werden.

    Weitere Probleme ergeben sich beispielsweise auch mit der Vorschrift, daß in zusammengesetzten Wörtern der Auslaut des ersten Wortes nicht mit dem Anlaut des zweiten in einer Kürzung verschmelzen dürfen (Hundemaul). Diese Regel können Programme nicht realisieren.

    Besonders gravierend hat sich die Uneindeutigkeit der Schrift für die inzwischen entwickelten elektronischen Eingabegeräte für Blinde ausgewirkt. Die Geräte haben i. d. R. eine Brailletastatur. Zweckmäßig und schnell zu bedienen wären sie, wenn der Schreiber Kurzschrift benutzen könnte. Da diese Eingaben aber wegen der Uneindeutigkeit der Schrift nicht rückkonvertierbar wären, müßten sie für einen Regelschriftausdruck ganz neu aufgenommen werden. Viele Blinde, so auch ich, nutzen daher heute die schönen kleinen und leichten Notitzgeräte nicht.

    Die automatische Konvertier- und Rückkonvertierbarkeit der Schrift wäre nur mit einem ganz erheblichen Eingriff in die gegenwärtige Struktur zu erreichen. Unter anderem müßten die zweiformigen Wortkürzungen eindeutig als solche erkennbar sein (z. B. durch Ankündigung).
  2. Die zweiformigen Wort- und Wortstammkürzungen, die den größten Teil der Kürzungen ausmachen (167 von etwa 250), sind ganz offensichtlich nicht nach Worthäufigkeitsuntersuchungen ausgewählt worden. Viele dieser Kürzungen sind Fachbegriffe und in Regeltexten so selten, daß sie einerseits kaum Kürzungseffekt besitzen, andererseits aber wegen der Seltenheit ihres Auftretens zu Lese- und Schreibproblemen führen. Als Beispiel sei hier der gekürzte Begriff "Philosoph" angesprochen. Außerhalb von Fachpublikationen kommt dieser Begriff kaum vor. Die Kürzung hat somit keinen nennenswerten Kürzungseffekt, kann aber den Lesevorgang belasten, da sie dem Leser nicht mehr sofort verfügbar ist. Eine derartige Kürzung könnte man ersatzlos streichen und damit die Mehrzahl der Punktschriftnutzer entlasten. Für Fachpublikationen bestünde immer noch die Möglichkeit, wie heute schon üblich, Kürzungen im Vorspann anzukündigen.

    Viele zweiformige Kürzungen weisen einen doppelten Mangel auf: sie verkürzen nur minimal und kommen zudem selten vor. Als Beispiel sei hier das Wort "Dank" herausgegriffen. Durch die Kürzung "dk" wird ein Zeichen eingespart. In der von mir untersuchten Textvorlage, die etwa 1.000 Seiten Regeltext entspricht, kam das Wort 57 mal vor, hatte also eine Textverkürzung von 57 Zeichen im Gesamttext zur Folge.
    Zum Vergleich: Die Kürzung "Jahr" mit einer Verkürzung um 2 Zeichen und hoher Vorkommenshäufigkeit ergab eine Textverkürzung um 2668 Zeichen.

    Zweiformige Kürzungen mit Effektivitätsmängeln sind im Anhang aufgeführt.
  3. Zweiformige Wortkürzungen mit Zeichenfolgen, die auch im Anlaut von Wörtern üblich sind, führen zu Worterkennungsproblemen. So führt die Kürzung "bl" (blind) in Zusammensetzungen zwangsläufig zu Irritationen. Wenn der Leser auf den Satz stößt: "Er war blauäugig", wird er nach der Identifikation der Zeichenfolge "bl" in Kenntnis der Kurzschrift und seiner Texterwartung annehmen, es handele sich um die Kürzung "blind". Er wird als geübter Nutzer der Kurzschrift seinen Irrtum schließlich erkennen, aber nicht, ohne eine gewisse Leseverzögerung.
  4. Einformige Wortkürzungen sollten in Verbindungen ausgeschrieben werden. Die derzeitige Regel, sie durch Punkt zwei anzukündigen, wobei der erste Ankündigungspunkt entfällt, wenn eine zweite gleichartige Kürzung folgt, abgesehen von den Ausnahmen "mehr" und "unter", ist nicht leicht umsetzbar. Der Verzicht auf diese Regel hätte kaum Einfluß auf die Textverkürzung.
  5. Die Umlautung mit Punkt "5" sollte ganz gestrichen werden. Der Kürzungseffekt der umgelauteten zweiformigen Wortkürzungen hat einen Anteil an der Gesamtverkürzung in Höhe von 0,26 % und ist somit zu vernachlässigen. Allein die Wortkürzung Arbeit hat einen 9mal höheren Kürzungseffekt. Die Umlautungsregel führt zu Leseschwierigkeiten, da der Punkt "5" mit dem folgenden Zeichen leicht verschmelzen und zu Irritationen führen kann. Gerade für Personen mit Tast- und Leseschwierigkeiten stellt sich die Umlautung als besonders problematisch dar. Darüber hinaus ist die Regel nicht leicht umsetzbar. Es ist nicht jedem Mitmenschen unmittelbar einsichtig, daß sich das Wort "gefährlich" von "fahr'" ableiten läßt.
  6. In der Prioritätenregel zur Verwendung alternativer Kürzungsmöglichkeiten, nehmen das "be-" und "ge-Zeichen" eine besondere Stellung ein. Weder Menschen, noch Konvertierungsprogrammen wird immer ganz deutlich sein, was das eigentlich heißt, daß "be" und "ge" auch dann alternativen Kürzungsmöglichkeiten vorgehen, wenn der Vorsilbencharakter nicht ganz deutlich ist (genau, Geranie). Das Streichen dieser Regel hätte keinen Kürzungsverlust zur Folge.
  7. In der gegenwärtigen Kurzschrift sind eine beträchtliche Anzahl von Zeichen nicht darstellbar, andere Zeichen sind im Gebrauch ungenau bzw. entsprechen nicht dem Standard der Regelschrift.

    Für den EDV-Bereich wichtige Zeichen des ASCII-Zeichensatzes (\, @, |...) sind in Kurzschrifttexten nicht darstellbar. Die Verwendung von zwei Rede- und nur einem Klammerzeichen entspricht nicht der Regelschriftanwendung. Typographische Redezeichen gibt es für die Kurzschrift nicht. Auch für viele andere Zeichen gibt es keine festgelegten Standards.
  8. Über das Dargestellte hinaus gibt es noch eine große Anzahl von Detailproblemen. Außerdem ist zu entscheiden, wie die Rechtschreibreform für die Kurzschrift umgesetzt werden soll.

Abschlußbemerkung:

Gegen Versuche, die Blindenkurzschrift zu vereinfachen, ist ein massiver Widerstand aus Kreisen der Anwenderschaft zu erwarten. Eine ablehnende Position nehmen vor allem der überwiegende Teil der blinden Akademiker und vergleichbar gebildeter Kreise ein. Diese Gruppe ist zwar an der Gesamtgruppe der blinden Punktschriftanwender gemessen sehr klein, ihre Einstellungen sind aber maßgeblich für die Meinungsbildung in den Selbsthilfeorganisationen. Die Ablehnung tiefgreifender Schriftänderungen aus diesem Personenkreis, für den die Schrift selbstverständlich kein intellektuelles Problem darstellt, kann ich als Nutzer der Punktschrift subjektiv durchaus nachvollziehen. Eine Änderung würde neue Wortbilder erzeugen und sich daher für einen Übergangszeitraum im Schreib- und Leseprozeß unangenehm bemerkbar machen.

Als Hauptargument gegen eine Veränderung der Schrift wird immer wieder darauf verwiesen, daß durch eine solche das bereits vorliegende Schriftgut für kommende Generationen verloren wäre. Dagegen ist einzuwenden, daß die heutigen technischen Möglichkeiten, Schrift digitalisiert aufzunehmen, zu bearbeiten und als Punktschrift auszugeben, dieses Argument hinfällig machen. Das seinerzeit mit ungeheurem Aufwand erstellte Schriftgut könnte heute mit einem Bruchteil des Zeit- und Arbeitsaufwandes in Punktschrift erzeugt werden. Für die neueren Veröffentlichungen gibt es in der Regel bereits digitalisierte Vorlagen. Hierfür würde das Einscannen und Korrigieren entfallen. Diese Vorlagen müßten lediglich mit einem entsprechenden Kürzungsprogramm neu konvertiert werden.

Gegen Versuche einer Kurzschriftvereinfachung wird immer wieder vorgebracht, Blinde, die Probleme mit der Kurzschrift hätten, könnten auf die Vollschrift ausweichen. Dies ist aber praktisch nicht möglich. Trotz anderslautender Äußerungen aus Kreisen der Verlage, bieten diese keine Veröffentlichungen für Erwachsene in Vollschrift an. Auch Stern/Zeit, Reisekataloge oder die regelmäßigen Veröffentlichungen des deutschen Blindenverbandes und der örtlichen Blindenvereine werden nicht in Vollschrift herausgegeben. Das gleiche gilt für das Informations- und Prospektmaterial der Hilfsmittelhersteller. Mit Vollschrift kann man sein Gewürzbord markieren, vom allgemeinen Schriftzugang ist man aber sicher abgeschnitten.

Ich spreche mich auch aus ganz prinzipiellen Erwägungen gegen ein Zweischriftsystem für Blinde aus. Das Festschreiben der Vollschrift für einen ganz beträchtlichen Teil der Blinden würde neben Kommunikationsproblemen innerhalb der Gesamtgruppe der Blinden mit Sicherheit auch zur Herabsetzung der Vollschriftnutzer führen.

Anhang:

Die Effektivitätsuntersuchung der Blindenkurzschrift habe ich im folgenden noch einmal ganz knapp in den Ergebnissen zusammengefaßt. Genaueres zur Erhebung der Daten ist in "blindsehbehindert" 3/94 nachzulesen.

Die folgende Tabelle zeigt den Prozentanteil der Verkürzung einzelner Kurzschriftbereiche.

Der Bereich "Sonstiges" beinhaltet: die Vor- und Nachsilben, die Gruppe der einformigen Wortstammkürzungen (all, besonder...), die Umlautung der nicht zweiformigen Kürzungen, sowie den Kürzungseffekt, den der Ankündigungspunkt außerhalb der "Kommakürzungen" aufweist.

Kürzungsbereich  Textverkürzung
Vollschrift  5,30 %
Einform. Wortkürzungen (ohne Ankündigung) 6,37 %
Lautgruppenkürzungen 10,05 %
Kommakürzungen (ohne Umlautung) 0,67 %
Zweiformige Wortkürzungen 3,07 %
Umlautung der Zweiformigen 0,26 %
Sonstiges 0,76 %
Kurzschrift insgesamt 26,48 %

Eine Kurzschriftvereinfachung durch Streichung der folgenden zweiformigen Wortkürzungen sowie des Umlautungspunktes und der Verzicht, einformige Wortkürzungen in Zusammensetzungen zu verwenden, hätten einen Gesamtverlust an Kürzung etwa in Höhe von 1,17 Prozent zur Folge.

Die in der folgenden Liste aufgeführten zweiformigen Wort- und Wortstammkürzungen liegen in ihrem Kürzungseffekt unterhalb des Mittelwertes der zweiformigen Wortkürzungen. Diese Kürzungen sollten wegen ihrer mangelnden Effektivität bei einer Kurzschriftvereinfachung vordringlich berücksichtigt werden.

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Gerd Heimann 25.09.1996


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